[Rezension]Parrot und Olivier in Amerika

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Autor: Peter Carey

Verlag: S. Fischer Verlag

Erscheinungsjahr: 2010

Seiten: 556

Lesestatus: beendet

 

 

Ich wühlte eher zum Zeitvertreib (musste mal wieder auf den Zug warten) in der Büchergrabbelkiste eines kleinen Kaufhauses meines Heimatkaffs herum und fand den Titel ziemlich witzig, welcher mich veranlasste, die Inhaltsangabe auf der Hinterseite des Buches zu lesen. Historisches interessiert mich ja sowieso immer und die Erlebnisse ungleicher Paare sind meistens ziemlich spannend. Dazu hieß es noch, dass „alle Kehlmänner erblassen müssten„. Nun ja, ich mochte Die Vermessung der Welt sehr gerne und war neugierig, ob diese steile Behauptung auch stimmte.  Dann blätterte ich noch ein wenig drin herum, um mir einen kleinen Eindruck zu verschaffen und mit 2,99 Euro  für ein Mängelexemplar kann man wirklich nicht viel falsch machen. Außerdem mag ich Bücher mit Patina.

Die beiden Protagonisten sind Olivier, ein junger französischer Adliger, dessen Eltern die Französische Revolution überlebten,  und sein englischer Diener/Aufpasser/Freund Parrot, die ihre von Anfang an ineinander verwobene Geschichte aus der eigenen Perspektive von der Kindheit bis zu ihrem Zusammentreffen erzählen, teils linear, teils in Retrospektive, von der Französischen Revolution bis zur Julirevolution. Die Schauplätze reichen von Frankreich und England bis nach Brasilien, Australien und schließlich Amerika. Weder Olivier, welcher das amerikanische Gefängniswesen studieren soll,  noch Parrot sind zu Beginn ihrer Reise nach Amerika anfangs voneinander begeistert, denn weder Unternehmung noch Arbeitsverhältnis erfolgten auf freiwilliger Basis.  Ihre Beziehung ist von Vorurteilen, Missverständnissen und Eifersüchteleien geprägt, und das Zusammentreffenen mit den Amerikanern und ihren kuriosen gesellschaftlichen wie politischen Sitten sorgt für zusätzliche Spannungen, aber auch für eine Annäherung der beiden so unterschiedlichen Persönlichkeiten.

Die Geschichte ist aus dem Blickwinkel der beiden Protagonisten erzählt, Olivier wendet sich hier oft an den Leser selbst oder berichtet in Briefen an seine Mutter von seinen Erlebnissen (wo sich hin und wieder auch Parrot einschleicht). Da Parrot seine Kapitel in Rückblenden von seiner Jugend erzählt (er ist zum Reisezeitpunkt beinahe fünfzig Jahre alt, Olivier hingegen Anfang oder Mitte Zwanzig), fiel es mir manchmal schwer einzuschätzen, wie alt er nun ist, und was eigentlich wann geschieht, nach vollendeter Lektüre machte es schließlich Sinn, aber ich musste ab und zu nochmals zurückblättern. Mir gefiel der blumige, leicht historisierende Schreibstil und die Verwunderung der beiden Amerikareisenden über die Menschen und Dinge, die ihnen in der Neuen Welt widerfahren sind. Die Anspielungen auf die heutige USA sind nicht zu überlesen, aber zum Glück auch mit einem Augenzwinkern geschrieben. Der Autor nennt Alexis de Tocquevilles Buch Über die Demokratie in Amerika als seine Inspirationsquelle (wohl auch teilweise für Olivier und dessen geplantes Buch), ich kenne leider weder den Verfasser noch das Werk, doch sicher werde ich mir das auch einmal zu Gemüte führen.

Was den Vergleich mit Kehlmanns Vermessung betrifft…da kommt Parrot und Olivier nun doch nicht heran, höchstens als Vermessung light und mit mehr Seiten. Es ist ein heiteres feinsinniges Werk, das sowohl für ein paar Lacher gut ist und nette Bosheiten verteilt, von brüllender Komik konnte ich aber nichts entdecken, was auch besser so war. Insgesamt war Parrot und Olivier eine  leichtherzige und amüsante historische Lektüre, die ich an einem verregneten Sonntagnachmittag in einem Rutsch durchlesen konnte.

Wer Freude an einem historischen Roman hat, der sich mal nicht um eine von  Liebesdramen gebeutelte Heldin (die dem titelgebenden mittelalterlichen/prä-industriellen Beruf nachgeht) dreht, sondern an intelligenterer Unterhaltung, die sich selbst nicht zu ernst nimmt. Auch wenn’s nicht Kehlmann ist.

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Facebook & Hexenjagd

Facebook – das moderne Äquivalent zum mittelalterlichen Marktplatz, wo sich besorgte Eltern und besorgte Tierschützer zusammenrotten, um mit virtuellen Fackeln und Heugabeln auf vermeintliche Kinder- und Tierquäler loszugehen und auf jeden, der nicht ihrer Meinung ist. Sehr oft als gemeinsames Merkmal: himmelschreiende Infantilität und weiblich. Man ist für Tier und Kind Mama, wirft mit Verniedlichungen um sich, die schon beim Lesen Karies erzeugen – grundsätzlich ist alles Süß, man weiß am besten, was gut fürs Baby ist (ganz gleich ob Tier oder ob Kind älter als ein Jahr), man hat keine Welpen, sondern Babyhunde (natürlich süß), Babykatzen, Babyfische, und was es sonst noch so Babytieren gibt, und je nach Geschlecht sind die lieben Tierchen Jungen und Mädchen. Jedem Delinquenten, ob er sein Kind ohne Helm Fahrrad fahren lässt, oder es wagt, den Hund zu maßregeln, wünscht man bzw. frau das Jugendamt an den Hals, die Polizei oder einen möglichst grausamen Tod qua Selbstjustiz („dem müsste man das gleiche antun„, „den würde ich erschießen/foltern/…„). Es ist erschreckend, dass Menschen, die sich für unglaublich fürsorglich und mitfühlend halten, gleichzeitig solche Gewaltfantasien gegenüber ihren Mitmenschen hegen. Das findet auch auf anderen Plattformen statt, wo Leute ihre Meinung ins Internet blasen können, auf FB fällt’s mir eben extrem auf.

Langsam verstehe ich ja, weshalb Hexenjagden damals so beliebt waren.

Neuer alter Lesestoff (Juni 2016)

Weil ich beim Einkaufen noch etwas vergessen hatte, musste ich erneut am Trödelladen in der Straße vorbei und konnte diesmal dem Lockruf der alten Bücher nicht widerstehen, die in der Ladeneinfahrt zur Mitnahme standen. Die Auswahl bestand zumeist aus Ganghofer-Romanen, Pearl S. Buck, einem Eheberatungsbuch von 1965, verfasst von einem Gynäkologen und einem Juristen, Die Kleine Miss von einer Frances Burnett und anderen Büchern, auf die ich aber keinen so genauen Blick warf.

Die Ganghoferbücher hatten es mir am meisten angetan – ich mag Frakturschrift und ich stamme aus einer Jägerfamilie. Ich glaube zumindest, dass ich in der Büchersammlung meines Opas mal ein oder zwei Blicke in Ganghofer-Romane geworfen hatte und mir die blumigen Schilderungen gefielen.

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Hier gab es nun mehrere und mir gefiel der Einband von Das Schweigen im Walde (30er oder 40er Jahre?) am besten, in Jagdgrün, auf eine goldene Dame auf einer Art Einhornreh prangte.

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Dann fiel mein Blick noch auf einen weiteren schönen Umschlag, der zu einem Werk namens Lichtenstein von Wilhelm Hauff gehörte, dem Umschlagtext zufolge ein romantischer Ritterroman, allerdings „für den modernen Lesergeschmack“ (von 1949) hergerichtet. Naja, schade eigentlich. Nach einigem Hin- und Herüberlegen beschloss ich dann, dass diese beiden Bücher mit zu mir nach Hause sollte, auch schon aus rein dekorativen Gründen. Lesen werde ich sie natürlich auch.

 

 

Beides fällt wohl unter das Thema Romantik und Heimatliteratur, aber das muss ja nicht prinzipiell was schlechtes sein – ich habe auch dank der umfassenden Bibliothek meines Großvater leidenschaftlich gerne Karl May gelesen.

 

 

 

The Man in the High Castle

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Autor: Philip K. Dick

Verlag: Penguin Books 2014

Seiten: 249

Sprache: Englisch

Lesestatus: noch nicht beendet

 

 

Inhalt:

Die ehemaligen USA sind nach dem Sieg der Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg an der Westküste unter japanischer Herrschaft, während der Osten von den Deutschen besetzt wird. Zwischen ihnen liegt eine neutrale Pufferzone, wo Gerüchten zufolge der Autor eines verbotenen Buches lebt, welches die Alliierten als Sieger des Zweiten schildert…

Ich liebe Alternative History, so war es auch kein Wunder, dass ich von der gleichnamigen Amazon Prime-Serie begeistert war (dazu schreibe ich hier bestimmt auch noch was) und machte ich mich nun daran, mir auch die Buchvorlage zu Gemüte zu führen.

Vorher sollte  ich allerdings noch die Anekdote loswerden, wie es letztendlich zum Erwerb dieses Buches kam.

Dazu beschloss ich, den Buchhhändler vor Ort zu unterstützen, von dem schon meine Mutter schwer begeistert war, und so rief ich eines schönen Freitagnachmittags in jener Buchhhandlung  an. Am anderen Ende antwortete eine ältere Dame, dem Namen nach wohl die Mutter jenes patenten Menschen und es entspann sich eine Konversation, die so ähnlich bei Loriot hätte stattfinden können:

 

Ich: Ich würde gern ein Buch von Philip K. Dick bestellen

Sie: Von wem?

Ich: Philip K. Dick

Sie: Wie heißt der?

Ich: Dick. Wie dick eben.

Sie: Aha! Wie buchstabiert man das? Berta, Emil…

Ich (leicht irritiert): Ähm, nein. Dora, Ida…

Sie: Berta, Emil…

Ich (entgeistert): Nein, nein…Dora Ida Caesar Konrad. DICK.

Sie: Aaaachsoooo, ich dachte BECK!

Ich (verzweifelt):

Nachdem die Autorenfrage endlich geklärt ist, findet die gute Dame weder den deutschen noch den englischen Titel des gesuchten Buches und meint, sie müsste dann ihrem Sohn Bescheid sagen, dass er mich in einer Stunde zurückruft, da er mit dem Einräumen von Schulbüchern beschäftigt sei. Anderthalb Stunden später rufe ich schließlich an, erzähle ihm, was ich möchte (ohne Buchstabieren usw.) und das Buch ist bestellt.

Es dauerte noch eine Weile (genauer gesagt gestern), bis ich endlich zur Lektüre kam. Nach den ersten Seiten war ich doch sehr erstaunt, wie groß die Unterschiede zwischen Serie und Buchvorlage sind, auch wenn ich schon vorgewarnt war. Während in der Serie mehr Wert auf Action und Drama gelegt wird und einige Figuren schon recht stark umgearbeitet wurden, liest sich das Buch wesentlich unaufgeregter, der Fokus liegt mehr auf der Introspektive der Figuren als auf Drama. Dennoch ist es atmosphärisch dichte Lektüre, was nicht nur auf die Einschübe von Wörtern und Redewendungen auf Deutsch, Jiddisch und Japanisch zurückzuführen ist. Mir fiel es gestern abend schwer, das Buch nicht in einem Rutsch durchzulesen. Es ist eigentlich schade, dass es nur 249 Seiten hat, aber nach Mammutwerken wie Jonathan Strange & Mr Norrell oder den Hyperion-Gesängen/Endymion eine echte Wohltat.

Mit dieser ersten Buchvorstellung habe ich nun mein Blog eingeweiht, juhuu!

Vielen Dank an Christina von books ’n‘ stories für die Starthilfe und das Ertragen meines Gejammers ^^