[Filmrezension/Spoiler] Solo – A Star Wars Story – Wirklich?

Solo-a-star-wars-story-tall-A_(cropped)

Ich wage mich das erste Mal an eine Rezension zu Star Wars. Obwohl ich ein großer Star Wars-Fan bin, oder vielleicht auch deswegen. Es heißt ja nicht umsonst, dass Star Wars-Fans auch die größten Star Wars-Hasser und schlimmsten Kritiker sind. Jedenfalls sind die Star Wars-Sequelfilme und Spin-Offs ein hochemotionales Thema für mich, weshalb diese Kritik nicht gerade sachlich und konstruktiv ausfallen wird. Nur soviel als Vorwarnung dazu und davor, dass es Spoiler geben wird, die sich auf Details aus dem Film beziehen. Es kann sein, dass ich die Reihenfolge oder Personen nicht mehr so richtig im Kopf habe, da mein Gehirn sich geweigert hat, sich diese zu merken, wenn ich dann mal doch etwas nachgeschlagen habe, ist mir klar geworden, dass es aus triftigen Gründen geschah.

Wie alles anfing – I have a bad feeling about this

Schon im Vorfeld war ich nicht von der Idee eines Standalone-Films begeistert, nachdem was mir The Force Awakens und The Last Jedi geboten hatte, hoffte aber auf den Rogue One-Effekt. Nämlich, dass meine Erwartungen so niedrig waren, dass ich positiv überrascht würde. Nun ja, die Trailer konnten schon einmal nicht dazu beitragen. Da gab es Chewbacca, Leute, die wie ein junger Han Solo und ein junger Lando Calrissian aussahen, ein paar Stormtrooper und imperiale Offiziere. Und Daenerys…ähm Emilia Clarke, Paul Bettany und Woody Harrelson und ein komischer Droide, der auf den ersten Blick wie ein Tactical Droid aus The Clone Wars wirkte. Die Musik – eine Art Synthrock-Version des Star-Wars-Themas und die Optik erinnerten mich ein bisschen an Blade Runner. Das war schon mal gar nicht so…gut. Von der Wahl des Hauptdarstellers Alden Ehrenreich war ich auch nicht sooo angetan, ich musste erst einmal herausfinden, wer das war und dann der Rausschmiss des ursprünglichen Regieteams…meine Erwartungen sanken rapide, aber wie gesagt, ich hoffte darauf, dass ich wie bei Rogue One doch einigermaßen unenttäuscht aus dem Kino käme. Ich ignorierte auch die leichten Spoiler, mit denen ich konfrontiert wurde. Schließlich verabredete ich mich mit Christina von Books’n‘ stories zum Kinobesuch und anschließendem Fußballgucken (Deutschland – Mexiko).

135 Minuten später kam ich alles andere als enthusiastisch wieder aus dem Kino heraus und stellte fest, dass ich mich schon zu tief ins Expanded Universe (welches nach der Disney-Übernahme zum Legends-Canon degradiert wurde) hineingenerdet hatte, um mich an den Sequel- und Spin-Off-Filmen als Star Wars-Filme erfreuen zu können.

Der Film – this is where the fun begins – not so much

Dieses Expanded Universe hat mich natürlich stark geprägt, und es ist mir klar, dass Filme einer solche Masse an Hintergrundinformationen nie komplett gerecht werden können. Sie bilden nur einen kleinen Ausschnitt ab und sind von der Interpretation durch den Regisseur etc. abhängig. So hatte ich natürlich schon mein Bild von Corellia, dem Heimatplaneten Han Solos und seine Vorgeschichte gab es ebenfalls schon in anderer Form. Der Film stieg nun auf Corellia ein und mir hatte diese Version nicht gefallen. Wahrscheinlich spielt da meine immer größer werdende Aversion gegen die trendige Dreckig-nass-düster-Schrott-Atmosphäre in Filmen und Serien mit hinein. Ich habe ja eigentlich nichts dagegen, die Original-Trilogie bezog ja ihren Charme auch aus dem Used-Look, aber irgendwie beginnt es mich zu stören. Wie im Expanded Universe ist dieses Corellia eine renommierte Werftwelt für Raumschiffe, aber ich fragte mich, ob man sich wirklich in ein Raumschiff setzen möchte, das dort zusammengekleistert wird. Nun ja, der erste genervte Seufzer entrang sich mir, als der junge Han und seine Gefährtin Qi’ra (Emilia Clarke) planten, sich mit dem wertvollen Coaxium abzusetzen, einem mysteriösen Zeugs um Treibstoff für Raumschiffe zu gewinnen. Arrgh! Raumschifftreibstoffe sind seit The Last Jedi ein rotes Tuch für mich. Dann wurde es richtig peinlich, als es zur Nachnamensfindung des Protagonisten kam, als dieser sich fürs Imperium rekrutieren ließ und sich folgender Dialog entspann – sinngemäß, ich hatte keine Lust das extra nachzuschauen:

Imperialer Rekrutierungsoffizier: Nachname?
Han: Ich bin allein
Imperialer Rekrutierungsoffizier (denkt kurz nach): Öhh ja, allein…ach, Solo passt doch ganz gut

Dann ging es weiter und plötzlich fand sich der endlich nicht mehr nachnamenlose Held im Ersten Weltkrieg wieder. Nein, natürlich nicht, aber in nassen, schlammigen Schützengräben der imperialen Infanterie. Ja, Infanterie, keine Sturmtruppen, sondern ganz gewöhnliche Soldaten. Das war wirklich nett zu sehen, dass die Imperiale Armee nicht nur aus Stormtroopern besteht. Aber die Erste-Weltkriegs-Analogie Dreck, Regen, schlammige Schützengraben, Geschrei etc. war mir persönlich zu aufdringlich. Eigentlich finde ich Analogien und Hommagen und Easter Eggs total toll, aber nicht, wenn sie einem alle fünf Minuten mit Großbuchstaben und Ausrufezeichen präsentiert werden. Krieg ist schlecht und dreckig, schon verstanden. Außerdem liegt der Reiz von Ostereiern darin, dass man sie suchen muss und nicht ins Gesicht geworfen bekommt. Jedenfalls stößt der immer etwas blauäugig wirkende Han so auf seine Kumpane Tobias (Woody Harrelson), Val (Thandie Newton) und rettet nebenbei Chewbacca, desertiert aus der Armee, um ein Ding zu drehen und wieder wertvolles Zeugs zu klauen, nämlich wieder Coaxium. Seufz. Diesmal gehts in die Alpen und man überfällt einen Zug. Also so eine Art Schwebebahn, die mich an eine solche aus dem Perry-Rhodan-Roman „Der Schwerelose Zug“ aus dem Andromeda-Zyklus erinnerte und an den Zugüberfall aus „Captain America: First Avenger“. Aber darüber rege ich mich gar nicht auf. Das war eine ganz spannende Handlung und man kann das Rad nicht neu erfinden. Eingeführt wurde der Gegenspieler Enfys Nest, welcher mit einer Mischung aus Podracern und Speederbikes dazwischenfunkte. Nett, aber trug nicht zur eh kaum vorhandenen Star Wars-Atmosphäre bei. Genauso wenig wie die Analogie zu Hans misslungenem Schmuggelauftrag für Jabba in der Original-Trilogie, nur dass es eben dieses ominöse Treibstoffdings ist und der Gangsterboss Dryden Vos (Paul Bettany). Als richtiger Star Wars-Nerd verbinde ich den Nachnamen Vos mit dem Jedi Quinlan Vos, aus dem Vos-Clan vom Planeten Kiffu (klingt komisch, ist aber so). Natürlich handelte es sich nicht jemanden mit dieser Abstammung, sondern um irgendeinen Typen mit Narben im Gesicht, der ein eigenes elegantes Casino-Schiff besitzt. Von Last Jedi haben wir gelernt: Ins Casino gehen dekadente Leute mit vieeeeel Geld, die es auf unehrliche Weise an sich gebracht haben und kleine Kinder und Esel-Hundepferde ausbeuten. Zumindest war das alles recht stilvoll, so ein bisschen Art Deco, aber immer noch wenig Star Wars.

Aber Han trifft seine Qi’ra wieder, die die Geliebte, rechte Hand oder ähnlich von Herrn Vos geworden ist. Wieder stolpert der gewitzte Bursche ziemlich naiv durch die Gegend und als ob ein mächtiger und reicher Syndikatsboss sonst keine Möglichkeiten hätte, kommt man auf die tolle Idee einem gewissen Lando Calrissian (Donald Clover) das Schiff abzuschwatzen, um nach Kessel zu fliegen und dem Pyke-Syndikat das Coaxium abzuluchsen. Also suchen Han, Qi’ra und Tobias (Val ist zwischendrin ums Leben gekommen, aber hat auch nicht weiter gestört) irgendwo anders eine verranzte Spielhölle auf, die gut zu Mad Max gepasst hätte, wo Lando dem Sabacc frönt, währenddessen sich sein weiblich programmierter Droide namen L3-37 (!) für Droidenrechte einsetzt. Naja sie kriegen Lando dazu, dass sie seinen Milennium Falcon für den Coup benutzen dürfen und man ahnt es schon, den berühmten Kessel-Run absolvieren. Nebenher bekommt man mitgeteilt, dass Lando in den Droiden verschossen ist, da auch schon was ging, und dass er eine erkleckliche Sammlung an Umhängen besitzt. Kann man machen, muss aber nicht. Also erreicht man die Minenwelt, wo das Pyke-Syndikat Leute und Droiden zum Spice-Abbau knechtet, wohingegen im alten Canon die Galaktische Republik und das Galaktische Imperium ihre Gefangenen zur Zwangsarbeit schickten. Während Han Solo das Coaxium stehlen geht, zettelt L3 eine Droidenrevolution an und hat damit ihre Bestimmung gefunden, wird aber im Zuge der Flucht zu Schrott geschossen. Auch kein besonders rührender Augenblick für mich, sondern es ging mir eher so, gut, dass das nervige Ding seine Klappe hält.

Jedenfalls muss die Gang fliehen, und bekommen sie nur hin, wenn sie L3s Droidengedächtnis ins Schiff integrieren, und dann muss auch Lando nicht mehr so um seine Droidenfreundin weinen. Dann findet der berühmte Kessel-Flug in weniger als 12 Parsecs statt. Was keine Zeiteinheit ist, sondern ein Längenmaß, auch wenn es Parallaxensekunden heißt. Der Rückflug durch den Kessel-Run wird durch das Aufkreuzen eines Sternzerstörers verhindert (weil der Kessel-Run so eine Art Schlauch ist) und was macht man, wenn man nicht vorbei kann? Man fliegt eine Abkürzung. Ja. Das führt dazu, dass man ein Space-Monster weckt, noch größer als der der Exogorth aus EP IV, beinahe in ein Superschwerefeld gezogen wird, aber stattdessen das Space Monster dran glauben muss. War auch was, das nicht so gestört hat, ohne Gigantismus und die eigenwillige Astrophysik kommt Star Wars nicht aus. Nach der erfolgreichen Flucht ging es auf einen anderen Planeten, wo das Coaxium raffiniert werden sollte, an einer wüstenartigen Meeresküste, wo bunt zusammengewürfelte Leute in Hütten lebten, die auf eine vage folklorehafte Weise ‚ethnisch‘ wirken sollten und das Coaxium raffinierten. Wie auch immer sie das anstellen wollten. Später erschien Boss Vos in seinem dekadenten Casino-Schiff und dann überschlugen sich die Ereignisse.

Jedenfalls tauchte Enfys Nest wieder auf, um der Gang die Beute wieder abzunehmen und Lando haute mit dem Milennium Falcon wieder ab. Nest entpuppte sich unter seiner martialischen Rüstung, die wiederum sehr Mad Max-artig wirkte, als ein rothaariges, sommersprossiges Mädchen, das mit den ethnischen Strandbewohnern zu tun hatte, die irgendwie von Vos von ihren Welten ausgebeutet, vertrieben etc. waren. Quasi die Analogie zu den ausgebeuteten Stallkindern auf Cantobeit, aber passt ja zu Vos‘ dekadentem Casino-Schiff. Und siehe da, Han entdeckt seine soziale Ader. Aber sollte er nicht ein Schurke sein, der nur an sich denkt? Zunächst aber gilt es Vos auszutricksen, aber wenn das ja so einfach wäre und es erfolgt ein doppelter Doppelbetrug, in Zuge dessen Beckett und Vos das Zeitliche segnen, und Qi’ra sich als die wahre Gegenspielerin herausstellt. Gut, könnte man sagen, irgendwie muss Han ja zu Leia finden. Aber leider war es nicht gut, denn Qi’ra kontaktiert einen Hintermann und dieser entpuppte sich als Darth Maul. Zwar war ich schon gespoilert, dass er vorkommt, aber nicht so und ich habe ein ganz mieses Gefühl entwickelt, was weitere Spin-Offs betrifft. Und kann man den armen Maul nicht einfach in Ruhe lassen? Er war in The Phantom Menace ein echt cooler Charakter, ich fand es sogar ganz gut, dass er in The Clone Wars reaktiviert wurde. Als er schließlich in Rebels wieder erschien, als ich mal eine Doppelfolge sah, die mich interessierte, war ich genervt. Nein, dieses Cameo hat mich nicht gefreut. Eher noch mehr verärgert. Doch zunächst erst das Ende des Films, oder vielmehr das Nicht-Ende. Schließlich brauchte Han noch den Milennium Falcon. Irgendwie hatte er Lando in einer weiteren Spielhölle ausfindig gemacht und ausgetrickst, um sich das Schiff zurückzuholen. Aus welchen Gründen auch immer.

Mein Fazit – it’s coarse and rough and irritating

Es fühlte sich alles an, inklusive des Maul-Cameos, als ob da noch Raum für ein paar weitere Filme gemacht werden soll. D.h. Spin-offs dieses Films, wie es mit Qi’ra und Maul weitergehen könnte, wie sich Han und Lando immer weiter versuchen, das Schiff abzuluchsen und und und. Aussichten, die mir gar nicht gefallen, vor allem, wenn jedes Jahr irgendein weiterer Teil von neuenTrilogien und Spin-offs und Anthology-Filme herauskommen. Und eine Animationsserie und eine Realserie. Dann wird Star Wars nichts mehr sein, worauf man sich freuen kann. Wenn alle Wochen Weihnachten und Geburtstag wäre, wo wäre noch das Besondere, die freudige Erwartung? Letztendlich hat sich doch eine gewisse Ermüdung eingestellt, denn Solo hat nicht die Ergebnisse eingespielt, die ihn zu einem richtigen Kassenerfolg gemacht hätte. Die Enttäuschung vieler Fans über The Last Jedi und die dazugehörigen Kontroversen haben sicher erheblich dazu beigetragen.

Für mich persönlich gehören die Disneyproduktionen, also Sequelfilme, Rogue One und Han Solo zu einem Alternativen Universum, wo J.J. Abrams und Co. ihre merkwürdigen Fanfiktionen über Star Wars ausleben. Zu meinem Kino-/Serien-Universum gehören die Episoden I – VI, The Clone Wars (Die Animationsserie von David Filoni und die Tartakovsky-Miniserie), bis zu einem gewissen Ausmaß Rebels, welches ich, bis auf eine Folgen aber nicht mehr gesehen habe. Schließlich konnte ich eine gewisse Freude nicht verhehlen, dass weitere Spin-Off-Filme auf Eis gelegt werden sollen. Wenn nämlich ähnliches mit Obi-Wan Kenobi, Darth Maul und Boba Fett geschieht, wie mit Han Solo, ist das im Grunde nur noch Leichenfledderei, um das Alien-Nippelmonster auch noch des letzten Tropfens grüner Milch zu entrauben.

Was den Solo-Film selbst betrifft, so ist er an sich nettes Sci-Fi-Popcornkino, das solide unterhält. Es gibt eine klare, lineare Storyline, einen McGuffin (das Coaxium), der den Protagonisten einen Grund für ihr Handeln gibt. Wenn es etwas Gutes gab, dann eine spannende Erzählstruktur ohne gefühlte zehntausend Subplots und ohne Nebenfiguren, die nerven und trotzdem bis zum Schluss am Leben bleiben. Originell geht zwar anders, aber wie schon weiter oben erwähnt, man muss nicht immer das Rad neu erfinden und die 135 Minuten werden nicht lang.

Als Star Wars-Film aber ist Solo schlichtweg nicht geeignet. Ich hatte nur sehr selten das Gefühl, mich im Star Wars-Universum zu befinden. Es reicht einfach nicht, Versatzstücke aus den vergangenen Filmen und Serien reinzupappen, wahllos Namen aus dem Expanded Universe fallen zu lassen, vom Cameo ganz zu schweigen. Außerdem bezweifle ich, dass ein solcher Film überhaupt nötig gewesen wäre. Es muss nicht immer alles erklärt und beleuchtet werden, Han macht seine Charakterentwicklung in Episode IV – VI durch. Ich hätte eher erwartet, dass er ein junger und rücksichtsloser Hallodri ist, den soziale Gerechtigkeit einen feuchten Dreck kümmert. Denn im Grunde hätte er sich, so wie er in Solo herüberkommt, schon zu diesem Zeitpunkt der Rebellion anschließen können. Leider kommt er ohne richtige Ecken und Kanten herüber, und vielleicht liegt es auch daran, dass Alden Ehrenreich zu weich für die Rolle wirkt. Klar könnte er eine junge Version von Han Solo sein, aber optische Ähnlichkeit und genau wie Harrison Ford zu spielen reichen eben nicht, wenn er einfach nicht der Typ dafür ist. Vielleicht hätte ich am Abend zuvor nicht noch Indiana Jones und der Tempel des Todes sehen sollen. Die anderen Schauspieler machen ihre Sache ebenfalls ordentlich, aber Star Wars ist schließlich Action-Kino und schauspielerische Leistungen liegen sowieso im Auge des Betrachters. Werbung für die Spin-Off- und Anthology-Filme war Solo jedenfalls nicht. Ich war sowieso schon skeptisch und mir ist nun die Lust daran gründlich verdorben worden. Um die Sequel-Trilogie abzuschließen, werde ich mir nur noch Episode IX im Kino ansehen, danach ist Schluss – auch wenn man natürlich niemals nie sagen sollte.

Werbeanzeigen

[Rezi/Fantasy-Young Adult] Miss Peregrine’s Home For Peculiar Children

imageAutor: Ransom Riggs

Seiten: 352

Sprache: Englisch

Verlag: Quirk Books 2013

Deutscher Titel: Die Insel der besonderen Kinder

Status: beendet

 

Ich kam ja etwas unverhofft zu diesem Buch. Da meine Eltern in punkto Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke eher unkreativ veranlagt sind, schrieb ich im Dezember 2016 eine Liste. Diese führte Haruki Murakamis 1Q84 sowie Robert HarrisFatherland auf. So weit, so gut. Wahrscheinlich habe ich es der Geschäftstüchtigkeit des patenten Buchhändlers (siehe hier) zu verdanken, dass ich an meinem Geburtstag, der relativ kurz vor Weihnachten ist, ziemlich unverhofft Miss Peregrine vorfand. Der Titel war mir insoweit ein Begriff, als mir um die Zeit auf YouTube ständig Trailer zu einem Film dieses Namens empfohlen wurden, ich aber kein gesteigertes Interesse daran hatte, weil  das so ein bisschen im Harry Potter/Zauberschule/Dingens-Fahrwasser zu fahren schient. Aber da ich es nun einmal hatte. Geschenkter Gaul und so. Zuerst stand aber Murakami auf der Liste, worauf ich schon sehr lange gewartet hatte, dann widmete ich mich aber den Peculiar Children, Was ich besonders interessant fand, noch bevor ich mit dem lesen anfing, war das Cover. Es zeigte eines dieser schlecht retuschierten Vintage-Kuriositäten-Fotos, auf dem ein „schwebendes“ Mädchen zu sehen war. Das war schon einmal nicht schlecht und weckte meine Neugier.

Die Geschichte beginnt mit den Kindheitserinnerungen des Protagonisten Jacob an die fantastischen Fotos (darunter jenes schwebende Mädchen) seines Großvaters, welcher nicht minder fantastische Geschichten aus der Zeit des 2. Weltkriegs von seiner Flucht aus Polen vor den Deutschen und Monstern erzählte, die ihn auf Insel vor Wales führte, wo Kinder mit besonderen Fähigkeiten untergebracht waren. Mit nun 16 Jahren ist Jake freilich nicht mehr so wirklich vom Wahrheitsgehalt von Fotos und Geschichten überzeugt, hat aber weiterhin ein gutes Verhältnis zu seinem Großvater, der mit zunehmenden Altern augenscheinlich immer unter Verfolgungswahn leidet.  Die Geschichte setzt mit einem tragischen Unglück ein, das Jacob davon überzeugt, dass die fantastischen Geschichten und Fotos eventuell doch wahr sein könnten. Er begibt sich auf die Suche nach der Insel und jenen besonderen Kindern, die von einer Miss Peregrine behütet werden.

Schnell fand ich heraus, dass Miss Peregrine eher wenig mit Harry Potter und dem Zauberschulengenre zu tun hatte, weshalb ich mich bereitwilliger auf die Geschichte einlassen konnte. Generell stellen sich die Themen in Miss P. dunkler dar, als ich sie von einem Buch aus dem Young-Adult-Bereich vermutet hätte, nicht nur wegen der Dark-Fantasy-Elemente, sondern auch wegen der Auswirkungen dunkler historischer Ereignisse, wie dem Holocaust und 2. Weltkrieg. Heitere Momenten fehlen jedoch nicht, wenn der aus Florida stammende Jacob auf einer gottverlassenen Insel vor der walisischen Küste auf die Einheimischen mit ihrem unverständlichen Dialekt und merkwürdigen Sitten trifft. Aus diesem Grund lohnt es sich ja immer Bücher in der Originalsprache zu lesen, wenn man diese beherrscht. Der 16-jährige Jacob erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive, eines lakonischen, etwas sarkastischen Teenagers, den seine Familiengeschichte auf eine unerwartete Weise einholt. Es fiel mir leicht, Jacob und seine Sicht der Welt sympathisch zu finden, er ist ein eher alltäglicher Typ, nicht unbedingt Material für einen strahlenden Helden, aber auch kein missverstandener 16-jähriger, der sich in seinem Weltschmerz suhlt.

Das Beste an Miss P. sind jedoch die zahlreichen Schwarzweiß-Bilder, um die der Autor die Geschichte gestrickt hat und dem Buch eine ganz besondere, morbide Atmosphäre geben, die es aus dem Young-Adult-Genre hervorstechen lassen. Nicht, dass ich besonders viel aus diesem Bereich lese, aber ich denke, dass der Anspruch von Miss P. Doch ein wenig höher liegt, gerade wegen der historischen Thematik, die die Handlung durchzieht und im zweiten Teil wahrscheinlich weiter ausgeführt wird. Denn das Buch endet nämlich mit einem Cliffhanger, und am Ende ist ein Interview mit dem Autor zu lesen (welches wirklich interessant ist), das die Fortsetzung anspricht. Eine Leseprobe aus dem zweiten Teil gibt es natürlich auch.

Ob ich mir den Film ansehe, weiß ich nicht. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie die Umsetzung ohne die Bilder als Illustration und atmosphärische Elemente funktioniert, hinzu befürchte ich ja, dass die düstere Thematik etwas zu weichgespült werden könnte. Und warum auf dem Filmposter eine Frau mit Armbrust zu sehen ist, frage ich mich ebenso, jedenfalls kam im Buch niemand mit Armbrust vor. Ich schätze, dass ich die Fortsetzung – irgendwann – lesen werde. Wobei ich das bei „Die Auserwählten des Labyrinths“ zwar auch wollte, aber immer noch nicht dazu gekommen bin. Davon abgesehen muss noch den Stapel unrezensierter Bücher abbauen. Cliffhanger hin oder her, ich lese Miss P. auch so immer wieder gerne.

[Rezension/Sci-Fi] Alfred Bester – The Stars My Destination

IMG_6601

Autor: Alfred Bester

Erstausgabe: 1956

Seiten: 240

Sprache: Englisch

Status: (Mehrfach) gelesen

Verlag: Gollancz, 2010

 

„The Stars“  spielt in einer Zukunft, in der die Menscheit das Sonnensystem kolonisiert und eine neue Form der Fortbbewegung, das Jaunten, entdeckt hat. Die Teleportation durch Willenskraft bringt große gesellschaftliche Umbrüche mit sich, welche sich zu einem Konflikt zwischen den Kolonisten und Bewohnern der Erde entwickeln. Der tumbe Gulliver Foyle ist der einzige Überlebende eines havarierten Raumfrachters, wofür er bereits seit 170 Tagen kämpft, als Rettung in greifbarer Nähe scheint. Seine Mühen, auf sich aufmerksam zu machen, werden ignoriert, so dass Foyle über sich selbst hinauswächst, um seinen Rachefeldzug gegen ‚Vorga‘ und den allmächtigen Presteign-Clan zu führen, der an den Grafen von Monte Christo erinnert. Wie für seinen Namensvetter aus Gullivers Reisen beginnt für ihn eine Odysee, durch alle Schichten der menschlichen Gesellschaft, durchs All und durch sich selbst.

Ich hatte vorher noch nie etwas von Alfred Bester gehört, obwohl ich meinte, mich mit klassischen Science-Fiction-Autoren auszukennen, die üblichen Verdächtigen eben, Philip K. Dick, Robert Henlein, Isaac Asimov und dergleichen. In Neil Gaimans Nachwort zum Roman erfuhr ich, dass Bester für Superman- und Green Lantern-Comics schrieb, und „The Stars“ als wichtiger, wenn nicht der Einfluss für das Cyberpunkt-Genre gilt. Zu Bester kam ich über Stephen King, sein Name wurde als Einfluss für mehrere Romane Kings genannt und wie es beim Lesen von Wikis so passiert, verrannte ich mich über Links und Querweise zu Bester, so dass ich beschloss mir einfach „The Stars“ zuzulegen. Das Gute daran war, dass ich außer den Hinweisen im King-Wiki schlichtweg keine Ahnung hatte, was auf mich zukommen würde und total unvoreingenommen lesen konnte. Ich mag ja sowieso Science-Fiction aus den 1950er/60er Jahren. So wirkte einiges, was Technologie betraf, IMG_6599ziemlich kurios – z.B. werden Nachrichten über teleportierende Boten übermittelt – andererseits traf ich auf ein hyperfuturistisches Setting mit fantastischen und metaphysischen Elementen, zum Glück ohne zuviel Technobabble. King muss wohl seine Vorliebe für Spiel mit der Typographie und Illustrationen bei Bester entdeckt haben.

 

Weiterhin es wäre interessant zu erfahren, inwieweit das Bester’sche Jaunten und die Telepathie sowohl Perry Rhodans Mutanten und Star Trek beeinflusst haben. Jedenfalls halte ich es für ziemlich wahrscheinlich. Wie eigentlich bei jedem Science-Fiction-Roman dieser Zeit sind die gesellschaftlichen Hintergründe die spannendsten Aspekte. Das Jaunten verändert die menschliche Gesellschaft grundlegend. Den Menschen steht die Welt offen, man kann in verschiedenen Zeitzonen hintereinander Silvester feiern, man arbeitet in Grönland und macht in New York seine Mittagspause, oder folgt dem Morgen rund um den Globus. Altmodische Fortbewegungsmittel wie Fahrräder, Autos und Züge, vom Zufußgehen ganz zu schweigen, gelten als Statussymbole von Superreichen. Diese globale Gesellschaft ist durch die uneingeschränkte Mobilität ethnisch durchmischt, doch die Schattenseiten sind erheblich.  Krankheiten und Plagen verbreiten sich nahezu ungehemmt über den Erdball, ebenso ermöglicht das Jaunten der Kriminalität grenzenlose Möglichkeiten, besonders was Einbrüche und Vergewaltigungen angeht. Die Reichen schotten sich hermetisch ab, Frauen bleibt als einziger Schutz die purdah, den Rückzug aus der Öffentlichkeit ins abgeschirmte, fensterlose Private.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Besters 26. Jahrhundert eine Dystopie ist. Eine strahlende, optimistische Zukunft ist es freilich nicht, aber so richtig hoffnungslos am Abgrund stehen sehe ich die Erde und das Sonnensystem in diesem Universum nicht. Zweifellos muss diese Gesellschaft ihren Weg zwischen der Beherrschung übernatürlicher Fähigkeiten und der Eroberung des Weltalls finden. Das findet nicht ohne Konflikte und Verlierer statt, es gibt weder die Guten noch die Bösen in „The Stars“, wie man am Protagonisten Gully Foyle selbst sieht. Während des Lesens, selbst beim zweiten oder dritten Mal, war ich mir nie sicher, ob seine Beweggründe einfach nur dumm und egoistisch sind oder vielleicht einem höheren Zweck dienten oder ob nur die Gesellschaft an allem Schuld ist. Wahrscheinlich wird es wohl nie eindeutig zu klären  sein, aber das macht ja den Reiz aus, Bücher mehrfach zu lesen und immer neue Perspektiven zu finden, die sich vielleicht widersprechen. Für mich war es eine gute Entscheidung meiner Neugier zu folgen und ein solch kleines feines Stück Science-Fiction zu finden.

After Work im Schloss – Wie wir irdische Grenzen überwinden

Am 30. November 2017 fand an einem regnerischen Abend die letzte After-Work-Veranstaltung im Römisch-Germanischen Zentralmuseum im Kurfürstlichen Schloss statt. Für mich waren diese Events die einzigen Gelegenheiten gewesen, noch einmal letzte Blicke in das RGZM im Schloss zu werfen – wenigstens in den zweiten Stock, wo sich das Frühe Mittelalter und die Intervention Codes der Macht efanden. Von der ich gar nicht genug bekommen sollte und mich letzten Endes dazu verlockt hatte, mich über meine geliebte Römerzeit hinaus fürs frühe Mittelalter zu interessieren. Nicht, dass ich diesen Bereich je ignoriert hätte, aber es hatte doch am zündenden Funken gefehlt, bis die Chlodwig-Intervention kam. Dazu aber später mehr. Ich hatte keine Veranstaltung verpasst und fand es sehr schade, dass diese die letzte im Schloss sein würde. Diesmal nahm ich wieder meine Mitbewohnerin sowie ihren Freund mit, welcher aus Österreich nach Mainz zu Besuch gekommen war. Das Thema dieser Veranstaltung lautete „Wie wir irdische Grenzen überwinden“ und wurde bei Wein und Knabbereien anhand zweier Exponate von Frau Kluge-Pinsker erläutert.

 

Die erste Station war eine Silberschale, die Replik einer Grabbeigabe aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. aus dem antiken Friedhof von Parabiago in der Nähe von Mailand, welche die Göttin Kybele und ihren Gefährten Attis in einer Löwenquadriga zeigt.. Diese Silberschale sollte den sozialen Status des Verstorbenen bei der Beisetzung darstellen. Der Kult der Kybele stammte ursprünglich aus Phrygien (heutige Türkei) und die Göttin fand schließlich als Magna Mater Eingang in den römischen Pantheon. Ein Isis-/Magna-Mater-Heiligtum befindet sich übrigens in Mainz, das bei Aushubarbeiten zur heutigen Römerpassage gefunden und mit in das Einkaufszentrum integriert wurde, quasi ebenfalls über seine ursprüngliche Bedeutung hinaus hinweggetragen wurde.

 

Das zweite Ausstellungsstück, das seine ursprüngliche irdische Bestimmung überwand, ist die Cathedra Petri, ursprünglich ein Thron, der für Karl den Kahlen gebaut wurde. Schließlich kam der thron nach Rom, wo der Thron mit Elfenbeintafeln besetzt wurde, welch die zwölf Taten des Herkules und sechs Fabel wesen zeigen. Dem Thron wurde ab dem Mittelalter die Bezeichnung „Cathedra Petri“ zugeschrieben und als Berührungsreliquie verwendet. Schließlich wurde der Thron aufgrund von Beschädigungen und Zweifeln an der Echtheit in ein Stuhlreliquiar eingeschlossen, welches zum Symbol des Papstes als Nachfolger Petri wurde. Eine Replik diente dem Volk schließlich als Reliquie, die bald als Original galt und deshalb wieder entfernt wurde. 1974 stellte das RGZM Kopien der Cathedra her, um sie in der Dauerausstellung des RGZM zu zeigen, welche im Kurfürstlichen Schloss die letzten 20 Jahre als Wissenschaftsausstellung diente.

 

Von der Übernahme von kleinasiatischen Gottheiten durch die Römer und griechisch-römischer Sagen ins Christentum bis zur Umdeutung des Throns als Reliquie leitete Frau Kluge-Pnsker zum Umzug des RGZM über, von der reinen Wissenschaftsausstellung zur Präsentation der Bedürfnisse von Menschen, welche 80000 Jahre Menschheitsgeschichte umfasst. Der Besuch aus Österreich war begeistert und ich nutzte die Chance ihm die „Codes der Macht“ zu zeigen, an diesem Abend zum letzten Mal zugänglich war. Es war schon ein bisschen traurig, da ich mir die Intervention so oft angesehen hatte, bis ich sie fast auswendig kannte.

 

Das Projekt hatte mich ja so fasziniert, seit ich zum ersten Mal das „Wahlplakat“ während des Wahlkampfes 2014 gesehen hatte und ich SOFORT den freundlichen jungen Mann mit dem Schwert zu meinem König gewählt hätte. Demokratie ist ja eh überbewertet. Es war wirklich schade, dass die After Work-Veranstaltung im Schloss zu ihrem Ende gekommen war, auch wenn das Ambiente nicht ganz so cool und modern wie im Schifffahrtsmuseum war.

 

Für mich hatte gerade diese etwas altmodische Atmosphäre seinen ganz eigenen Reiz und war stets den Abstecher bei einem Nachmittagsspaziergang wert, fast schon ein bisschen wie ein zweites Wohnzimmer.