[Rezension/Sci-Fi] Alfred Bester – The Stars My Destination

IMG_6601

Autor: Alfred Bester

Erstausgabe: 1956

Seiten: 240

Sprache: Englisch

Status: (Mehrfach) gelesen

Verlag: Gollancz, 2010

 

„The Stars“  spielt in einer Zukunft, in der die Menscheit das Sonnensystem kolonisiert und eine neue Form der Fortbbewegung, das Jaunten, entdeckt hat. Die Teleportation durch Willenskraft bringt große gesellschaftliche Umbrüche mit sich, welche sich zu einem Konflikt zwischen den Kolonisten und Bewohnern der Erde entwickeln. Der tumbe Gulliver Foyle ist der einzige Überlebende eines havarierten Raumfrachters, wofür er bereits seit 170 Tagen kämpft, als Rettung in greifbarer Nähe scheint. Seine Mühen, auf sich aufmerksam zu machen, werden ignoriert, so dass Foyle über sich selbst hinauswächst, um seinen Rachefeldzug gegen ‚Vorga‘ und den allmächtigen Presteign-Clan zu führen, der an den Grafen von Monte Christo erinnert. Wie für seinen Namensvetter aus Gullivers Reisen beginnt für ihn eine Odysee, durch alle Schichten der menschlichen Gesellschaft, durchs All und durch sich selbst.

Ich hatte vorher noch nie etwas von Alfred Bester gehört, obwohl ich meinte, mich mit klassischen Science-Fiction-Autoren auszukennen, die üblichen Verdächtigen eben, Philip K. Dick, Robert Henlein, Isaac Asimov und dergleichen. In Neil Gaimans Nachwort zum Roman erfuhr ich, dass Bester für Superman- und Green Lantern-Comics schrieb, und „The Stars“ als wichtiger, wenn nicht der Einfluss für das Cyberpunkt-Genre gilt. Zu Bester kam ich über Stephen King, sein Name wurde als Einfluss für mehrere Romane Kings genannt und wie es beim Lesen von Wikis so passiert, verrannte ich mich über Links und Querweise zu Bester, so dass ich beschloss mir einfach „The Stars“ zuzulegen. Das Gute daran war, dass ich außer den Hinweisen im King-Wiki schlichtweg keine Ahnung hatte, was auf mich zukommen würde und total unvoreingenommen lesen konnte. Ich mag ja sowieso Science-Fiction aus den 1950er/60er Jahren. So wirkte einiges, was Technologie betraf, IMG_6599ziemlich kurios – z.B. werden Nachrichten über teleportierende Boten übermittelt – andererseits traf ich auf ein hyperfuturistisches Setting mit fantastischen und metaphysischen Elementen, zum Glück ohne zuviel Technobabble. King muss wohl seine Vorliebe für Spiel mit der Typographie und Illustrationen bei Bester entdeckt haben.

 

Weiterhin es wäre interessant zu erfahren, inwieweit das Bester’sche Jaunten und die Telepathie sowohl Perry Rhodans Mutanten und Star Trek beeinflusst haben. Jedenfalls halte ich es für ziemlich wahrscheinlich. Wie eigentlich bei jedem Science-Fiction-Roman dieser Zeit sind die gesellschaftlichen Hintergründe die spannendsten Aspekte. Das Jaunten verändert die menschliche Gesellschaft grundlegend. Den Menschen steht die Welt offen, man kann in verschiedenen Zeitzonen hintereinander Silvester feiern, man arbeitet in Grönland und macht in New York seine Mittagspause, oder folgt dem Morgen rund um den Globus. Altmodische Fortbewegungsmittel wie Fahrräder, Autos und Züge, vom Zufußgehen ganz zu schweigen, gelten als Statussymbole von Superreichen. Diese globale Gesellschaft ist durch die uneingeschränkte Mobilität ethnisch durchmischt, doch die Schattenseiten sind erheblich.  Krankheiten und Plagen verbreiten sich nahezu ungehemmt über den Erdball, ebenso ermöglicht das Jaunten der Kriminalität grenzenlose Möglichkeiten, besonders was Einbrüche und Vergewaltigungen angeht. Die Reichen schotten sich hermetisch ab, Frauen bleibt als einziger Schutz die purdah, den Rückzug aus der Öffentlichkeit ins abgeschirmte, fensterlose Private.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Besters 26. Jahrhundert eine Dystopie ist. Eine strahlende, optimistische Zukunft ist es freilich nicht, aber so richtig hoffnungslos am Abgrund stehen sehe ich die Erde und das Sonnensystem in diesem Universum nicht. Zweifellos muss diese Gesellschaft ihren Weg zwischen der Beherrschung übernatürlicher Fähigkeiten und der Eroberung des Weltalls finden. Das findet nicht ohne Konflikte und Verlierer statt, es gibt weder die Guten noch die Bösen in „The Stars“, wie man am Protagonisten Gully Foyle selbst sieht. Während des Lesens, selbst beim zweiten oder dritten Mal, war ich mir nie sicher, ob seine Beweggründe einfach nur dumm und egoistisch sind oder vielleicht einem höheren Zweck dienten oder ob nur die Gesellschaft an allem Schuld ist. Wahrscheinlich wird es wohl nie eindeutig zu klären  sein, aber das macht ja den Reiz aus, Bücher mehrfach zu lesen und immer neue Perspektiven zu finden, die sich vielleicht widersprechen. Für mich war es eine gute Entscheidung meiner Neugier zu folgen und ein solch kleines feines Stück Science-Fiction zu finden.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s