[Rezension] Reiter ohne Heimat

IMG_3661Titel:
Reiter ohne Heimat
[De hjemlose ryttere]
Seiten:
190
Autor:
Bernhard Stokke
Verlag:
Franz Schneider Verlag, Berlin und Leipzig, 1939
Genre:
Jugendbuch/Heimat

 

Ich kann ja einfach nicht an schönen alten Bücher vorbeigehen. So wie letztens wieder geschehen. Jemand ließ zwei alte Readers Digest-Bände und Reiter ohne HeiIMG_3668mat bei mir im Treppen frei und so musste ich bei Letzterem zugreifen. Allein die goldgeprägte Frakturschrift hätte mich nicht widerstehen lassen können und es ging dem Titel nach wohl um ein Pferdeabenteuer. Beim Blick ins Buch erwarteten mich zwei schöne schlichte Zeichnungen, ich vermute mal, dass es Tuschezeichnungen sind. Im Zeitalter von günstigen Taschenbüchern findet man ja sowas eher selten, und wenn, muss man für gebundene und gut gestaltete Bücher doch tiefer in die Tasche greifen. Davon abgesehen haben alte Bücher für mich ihren ganz eigenen Charme, sei es Frakturschrift (ja, ich kann die noch lesen), Goldprägungen und der Geruch von vergilbtem Papier.

Die Geschichte ist im Grunde schnell erzählt. Der Hof des verstorbenen Vaters von Kaare und Tor steht kurz davor, vom Eigentümer abgerissen zu werden, die Familie, zu der die Mutter und eine jüngere Schwester gehören, muss das Grundstück verlassen. Die Jungen verdingen sich für den Sommer als Hüter der Pferdeherden auf den Fjälls [sic!], um so Geld für die Familie zu verdienen. Eine wichtige Rolle spielt hier der junge Hengst Rauen, auf den IMG_3669sie besonders aufpassen müssen, wollen sie je wieder auf ihren Hof zurückkehren. Der Roman schildert nun die Abenteuer, mit denen sich die Brüder auf sich allein gestellt in der rauen Welt der norwegischen Gebirge konfrontiert sehen, ob es die Unbillen der Natur sind, ein geheimnisvoller Reiter oder die unsichtbaren Gefahren, die den Pferden zum Verhängnis werden können. Was mir besonders gefallen hatte, war die blumige, lebendige Schilderung der Natur, die immer wieder auch ins Schwärmerische abdriftet, doch das tat dem Lesespaß keinen Abbruch. Eher im Gegenteil, erinnerte sie mich doch an die alten Jugendbücher, die ich noch von meinen Großeltern kannte, von den Abenteuern eines Jungen namens Horst, der in einem Forsthaus aufwuchs und schließlich selbst Förster wurde, wenn ich mich richtig erinnere. Dann erinnere ich mich noch an ein Buch namens Der graue Hengst, der von Mustangs handelte. Es waren jedenfalls so tolle Bücher, die ich immer wieder gern las, da die Schilderungen der Natur so ungemein fesselnd und lebendig waren…

Aber zurück zu Reiter ohne Heimat. Zu welcher Zeit die Geschichte spielte, war zunächst nicht so einfach einzuschätzen, auch wenn aufgrund des Alters des Buches klar war, dass es wohl nicht später als die 1930er oder -40er Jahre sein konnten.Es gab zwar Eisenbahn und Draht, aber erst gegen Schluss wird elektrisches Licht erwähnt, so dass es wohl kaum später als die 1920er sein könnten. Es war nichtsdestoweniger spannend, die Geschichte unter dem Aspekt zu lesen, wie die Menschen ohne Autos und Telefon, geschweige Handy ausgekommen sind, und das „einfache Leben“ scheint beinahe reizvoller zu sein. Kaare und Tor müssen ständig an ihre Grenzen gehen, um ihrer verantwortungsvollen Arbeit gerecht zu werden, wenn schließlich auch ihre Existenz davon abhängt. Dies wird allerdings ohne zu viel Moralisierung geschildert, es scheint – auch im Hinblick auf die Zeit – selbstverständlich zu sein, selbst wenn die Brüder erst 14 und 17 Jahre alt sind. Bei Pferdeabenteuern denkt man heute eher an Mädchen, die im Pferd ihren Seelenverwandten finden oder so ähnlich, doch auch Jungs mögen Pferde, wenn auch auf eine andere Weise. Hier steht die Harmonie von Mensch und Tier nicht so sehr im Vordergrund wie die Existenz der Familie, die ganz allein vom Wohl des rotes Hengstes Rauen und der restlichen Herde abhängt.

Nach etwas Recherche fand ich heraus, dass Bernhard Stokke (1896 – 1979) ein norwegischer Grundschullehrer/-rektor war und neben zwölf Jugendbüchern auch Textbücher verfasste oder herausgab. Nicht verwunderlich, dass sich diese Bücher mit Geschichte und Geographie befassten, die Liebe zur norwegischen Natur ist schon in diesem einen Buch deutlich spürbar, ganz gleich wie schwärmerisch und altmodisch sie herüberkommen mag. Ich finde so etwas toll und die einfachen, aber nichtsdestoweniger spannenden Abenteuer von Kaare und Tor versetzten mich wirklich in eine nostalgische Stimmung, so dass ich es wirklich nicht bereut habe, dieses kleine aber feine Büchlein mitzunehmen.

 

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