[Im Museum] Wie wir Erinnerung erfinden, oder: Wer das ließt, ist doof! Lol xd rofl iksde!

Am letzten Donnerstag  im Oktober, genauer am 26.10. 2017, war es wieder soweit, eine After Work im Museum-Veranstaltung im Schloss. Das „Schloss“ ist genauer gesagt das Kurfürstliche Schloss in Mainz mit Blick auf den Rhein und beherbergt noch das Römisch-Germanische Zentralmuseum, welches leider seit dem 10. Juni 2017 für die Öffentlichkeit geschlossen ist. Bis dahin war im 1. Stock die Ausstallung zur Römerzeit, im 2. Stock das Frühe Mittelalter zu finden. Für mich immer  Orte, an denen ich gern mal Sonntagnachmittags vorbeigeschaut habe, auch für kurze Besuche, was der freie Eintritt natürlich leicht gemacht hat. Durch die Umzugsvorbereitungen des RZGM in Neue Museum kann man die Ausstellung zum Frühen Mittelalter und die Sonderausstellung ‚Codes der Macht‘ nur noch im Rahmen der After-Work-Veranstaltung besuchen, was für mich immer ein kleines Trostpflaster ist. Ich hielt (und halte immer noch) die Räume des Schlosses für die Ausstellungen ein sehr stilvolles Ambiente. Wenigstens für mich muss es nicht immer ‚modern‘ und aufregend sein, sondern es darf ruhig auch mal ein wenig klassisch sein. So nutzte ich also wieder die Gelegenheit, das Schloss zu besuchen. Diesmal war es tatsächlich ‚After Work‘ im wahrsten Sinne des Wortes, da ich direkt von meinen Nachhilfeschülern kam und den größten Teil des Tages damit verbracht hatte, für andere mitzudenken und mir den Mund fusselig zu reden (was ich aber gerne mache). Nun begann der entspannte Teil des Tages. Das Thema des Abends lautete diesmal „Wie wir Erinnerung erfinden“ und ich war wiederum sehr gespannt, was mich erwartete. Erst einmal war es das Schloss bei Sonnenuntergang, schon an sich eine großartige Kulisse, wenn man in der Dämmerung in den erleuchteten Hof gelangt, wo Umzugskisten auf den „Weg ins Neue Museum“ aufmerksam machen – was schon allein von der Präsentation toll ist, aber auch irgendwie schade. Aber zurück zu den Erinnerungen, und warum man doof ist, wenn das hier liest, wird auch geklärt. LOL!

Dann gab es erst einmal ein Gläschen Weinschorle und etwas zu knabbern, mit dem ich die Wartezeit bis zum Beginn der Kurzführung überbrückte. Diese wurde von Frau Dr. Antje Kluge-Pinsker geleitet, Wissenschaftspädagogin im RGZM und für Vermittlungskonzepte/Ausstellungsdidaktik zuständig.

Die Eröffnung der Führung war wörtlich zu verstehen, denn Frau Kluge-Pinsker leitete sie mit einem Flaschenöffner ein, einem Reisesouvenir, an dem Erinnerungen hängen. So waren wir Teilnehmer gespannt, was folgen würde. Das erste historische Erinnerungsstück war ein Nähkästchen aus Walrosszahn, hergestellt ca. im 8. Jahrhundert in einem nordenglischen Kloster, welches schließlich in Frankreich gelandet war. Es ist  mit Schnitzereien verziert, die auf jeder Seite verschiedene Szenen und Runeninschriften zeigen. Dieses Mal wurde weniger aus dem Nähkästchen geplaudert, denn es hatte selbst etwas zu erzählen…Teils stellten die Szenen Geschichten und Sagen dar, die man heute noch kennt, die Wielandssage, Romulus und Remus, die Heiligen Drei Könige, die Eroberung Jerusalems durch Kaiser Titus, auch eine Darstellung, die sich heute nicht mehr deuten lässt und somit für die Erinnerung verloren ist. Dieses Kästchen hat, wenn man sich genauer damit beschäftigt, doch sehr viel mehr zu erzählen als man von einem Haushaltsgegenstand erwarten könnte.

Weiter ging es zu einem Kopf. Keinem echten Kopf, aber doch mit einer kuriosen Geschichte. Es handelte sich um das Haupt einer Statue des byzantinischen Kaisers Justinian und steht im Original auf der Balustrade des Markusdomes in Venedig. Meine erste Assoziation war George R.R. Martins Game of Thrones (bzw. A Song of Ice and Fire), wo die Köpfe missliebiger Personen nach Enthauptung gerne auf Schlossmauern zur Schau gestellt werden. Tatsächlich handelte es sich um etwas ähnliches. Zunächst war der Kopf ein Beutestück eines Kreuzzuges nach Byzanz im 13. Jahrhundert und aus dem geplünderten Konstantinopel mitgebracht. Zwischenzeitlich ging die Bedeutung, oder vielmehr Erinnerung verloren, und man schrieb den Kopf einem auf der Piazza di San Marco einem enthaupteten Söldnerführer namens Carmagnola zu, weshalb dieser Kopf Carmagnola-Kopf genannt wird. Interessant war hier zu erfahren, dass Statuen im Falle einer Eroberung auch gerne von den Eigentümern selbst zerstört wurden, um zu verhindern, dass sie von den Siegern für ihre Zwecke umgedeutet wurden. Da man dem Steinkopf im Laufe der Jahrhunderte eine andere Herkunft zugeschrieben hatte, die mit dem ursprünglichen Hergang nichts mehr zu tun hatte, war diese Absicht wohl gelungen.

Was wir gesehen hatten, waren zwei eher kleine Anschauungsobjekte, eines ein gewöhnlicher Haushaltsgegenstand, das andere quasi ein Souvenir, wenn man ein Beutestück so nennen kann, an beiden hingen jedoch bestimmte Erinnerungen, an die man sich heute jedoch nur herantasten kann und eventuell neu erfindet oder vielleicht sogar erfinden muss. In heutigen Zeiten findet durch moderne Mittel zur Vervielfältigung, Internet, Bilder, 3D-Drucker, Auflösung von Erinnerung statt, jeder kann sich Objekte aneignen, die man vielleicht irgendwo gesehen, besitzen will und ihnen eine eigene Bedeutung geben

Wie jedes Mal hat es mich gefreut, das ‚alte‘ RGZM im Schloss besuchen zu können. Ich die kenne die Ausstellung fast auswendig, aber solche Veranstaltungen wie diese werfen noch eimal ganz andere Blickwinkel auf die gezeigten Stücke. Diese mögen zwar aus der Vergangenheit stammen und sind zum Teil Repliken, doch erfährt man immer wieder neue und spannende Aspekte. Vor allem wenn so lebendig die Brücke zur Gegenwart geschlagen wird. Zwei Objekte haben gereicht, um einen Abend zu füllen, und darüber hinaus sind sie zum Einen in Erinnerung geblieben, zum anderen haben sie – für mich wenigstens – weitere Bedeutung erhalten, weniger ‚er‘ – funden, was manchmal etwas negativ klingen kann, als ‚ge‘-funden. Den Schlüsselanhänger von Frau Kluge-Pinsker habe ich übrigens noch einmal extra während eines Besuches bei ihr fotografiert, da ich diesen Gegenstand unbedingt zu Illustration im Blog dabeihaben wollte, sozusagen zur Untermauerung dieser Erinnerung. Und prompt habe ich diesen Gegenstand zu meiner Erinnerung neu erfunden. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank für Gespräch!

Ach ja, wer das liest, ist natürlich nicht doof (naja, man weiß es nicht xD)

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Wer das „ließt“ xD

Meine Erinnerungen an den Abend habe ich auf Papier – ich schreibe meine Blogbeiträge gerne handschriftlich nieder – festgehalten. Es gibt mir mehr Spielraum zum Nachdenken als wenn ich es sofort in die Tastatur meines Laptop reinhauen würde… Mein Schreibblock war bei dieser Gelegenheit meinem Neffen in die Hände gefallen, der es ja sowieso für Wahnsinn hält, sowohl überhaupt freiwillig zu schreiben, als auch mit der Hand. Jedenfalls hatte er nichts Besseres zu tun, als einfach einmal seine eigenen Kommentare dazu hinzuzufügen – nämlich den Klassiker „Wer das ließt [sic!] ist doof“ sowie Bemerkungen, die jeder jugendliche Gamer, der etwas auf sich hält, beherrscht, lol xd, rofl, iksde. Ohne wirklich zu lesen (Oh Gott, auch noch lesen!), was ich dahingekritzelt habe, aber Hauptsache unqualifizierte Kommentare abgeben. So hat dieser Abend nicht nur Erinnerungen an die Veranstaltung selbst erzeugt, wo ich etwas über Nähkästchen und Steinköpfe erfahren habe, sondern zusätzliche hinzubekommen.

Links:

http://web.rgzm.de/

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[Schreiben/Bericht] Schreibwerkstatt Römerzeit in Mainz

Ich schreibe ja meistens über Bücher und Serien, doch konsumiere ich nicht nur, sondern bringe auch Selbstgeschriebenes zu Papier, oder vielmehr in ein Textverarbeitungs-Dokument auf meinem Laptop. Allerdings habe ich hier noch nichts dergleichen veröffentlicht, und ich glaube, das kann noch ein bisschen dauern, bis ich mich das wirklich traue. Aber heute wage ich mich ein Stück weiter vor, da ich Anfang August an einer Schreibwerkstatt teilnahm, die zwei meiner Lieblingsinteressen vereinigt.

Mein Weg durch Mainz führt mich regelmäßig durch die Römerpassage, einem Einkaufszentrum, dass sich dadurch auszeichnet, dass beim Bau die Überreste eines Heiligtums der Isis bzw. Magna Mater gefunden wurde. Man entschied sich glücklicherweise, die Fundstelle in das Gebäude zu integrieren und ein kleines Museum zu errichten, das ich immer wieder gerne besuche. Gelegentlich finden sich Aushänge, die z.B. zu Führungen zu Grabungsstellen einladen, und wie neulich zu einer Schreibwerkstatt über die Römerzeit in der Steinhalle des Landesmuseums Mainz. IMG_3093Es ging laut Aushang um „Lebensgeschichten aus dem römischen Mainz durch kreatives Schreiben entdecken“ Dazu lockte ein freier Eintritt, wer sich rechtzeitig anmeldete. Ich konnte nicht anders als mich flugs anzumelden. Römerzeit und Schreiben! Zwei Dinge, die ich liebe. Seit den farbenprächtigen Technicolorfilmen wie Ben Hur oder Quo Vadis, die ich meiner Kindheit oft schaute, bin ich von den Römern fasziniert. Ich fand die Römer immer viel toller als die armen unterdrückten Juden und Christen. Mein Großvater förderte mein Interesse sehr, wir fuhren z.B. zur Saalburg, und ich bekam dicke Wälzer zur römischen Geschichte geschenkt. In der Mittelstufe schrieb ich bereits kleine Geschichten, die zur Römerzeit spielten, in extra dafür gekaufte Schulhefte. Und nun, da ich seit acht Jahren in Mainz wohne, lebe ich ja quasi in meinem persönlichen Römerparadies. Neben dem Isis/Magna-Mater-Heiligtum bin ich eine eifrige Besucherin des Römisch-Germanischen Zentralmuseums im Schloss (leider wegen Umzugs geschlossen) und des Museums für Antike Schifffahrt und genieße generell, dass man hier in Mainz immer noch auf soviele Zeugnisse des alten Mogontiacum treffen kann.

Gesagt, getan, ich meldete mich und fand mich am 6. August mit anderen interessierten Menschen aller Altersstufen im Landesmuseum wieder. Veranstaltet wurde die Schreibwerkstatt von der Master-Studentin Laura Löser vom Institut für Archäologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg als Teil ihrer Masterarbeit. Ziel der Werkstatt war es, sich übers Schreiben dem Leben im römischen Mainz zu nähern. IMG_3157Hierfür fand sich unser Grüppchen in der Steinhalle des Landesmuseums bzw. Landtages ein, wo verschiedene Steindenkmäler aus der Römerzeit zu sehen sind, neben dem Dativius-Victor-Bogen Grabsteine von römischen Soldaten und Offizieren, sowie Zivilisten wie Beamten, einheimischen Kaufleuten und auch der Grabstein eines kleinen Mädchens. In der ersten Hälfte der Werkstatt stellte uns Frau Löser ausgewählte Grabsteine vor. Hier bekamen wir die ersten Eindrücke über die Personen, über ihre Lebensumstände und die Zeit in der sie lebten, geschildert und wir konnten natürlich auch Fragen dazu stellen. Hier begannen schon bei mir im Hinterkopf die ersten Ideen zu rattern, und mich beschlich eine leise Panik, als ich aufs Handout mit den Übersetzungen zu den Grabsteinen und den Schreibimpulsen sah. Worüber sollte ich bei der Auswahl bloß schreiben und dafür reicht doch sicher die Zeit nicht…Außerdem hätte ich noch stundenlang Frau Lösers Ausführungen zuhören können, zwar bin ich bestimmt kein Neuling in römischer Geschichte, aber erfuhr noch viele andere spannende Details, die mir bislang noch unbekannt waren. Nach einer dreiviertel Stunde war es soweit, und wir sollten loslegen – nicht mit Papyrus oder Wachstafel, sondern mit Klemmbrett und Kuli bewaffnet hatten wir etwa noch einmal so viel Zeit, etwas zu Papier zu bringen.IMG_3182 Ich musste mich also entscheiden. Nach kurzem Überlegen kehrte ich zu der Idee zurück, die ich am spannendsten fand, nämlich einige der Personen und Lebensgeschichten zu vereinen. So entstand der Brief des Scharfrichters Publius Urvinus an seinen Cousin (der den Grabstein errichtet hatte), der speziell nach Mogontiacum in den Stab des Oberbefehlshabers abkommandiert worden war:

„Publius Urvinus an seinen Cousin Marcus.

Mein lieber Marcus, ich hoffe dieser Brief erreicht dich bei guter Gesundheit. Ich bin nun seit zwei Monaten in Mogontiacum am Rhein, es ist Sommer und die Gegend angenehm, doch ich habe bislang kaum freie Zeit gehabt. Hier funktioniert nichts, ich muss ständig improvisieren, weder Vorgesetzte noch Untergebene halten sich an Dienstwege. Das Einzige, was gut funktioniert, ist das Verbrechen. Was habe ich falsch gemacht, dass die Götter mich so strafen? Ich schlafe schlecht und habe noch mehr graue Haare bekommen. Wenn Fulvia mich so sieht, wird sie mich bestimmt nicht mehr heiraten wollen. Morgen werde ich wohl ein Opfer bringen, damit sie mir gewogen bleibt. Doch ich schweife ab. Die Einheimischen scheinen sich recht schnell an unsere Art zu leben und zu kleiden gewöhnt zu haben, ich bekomme fast alles, was ich von zuhause gewohnt bin, die Kaufleute wissen, womit sie gute Geschäfte machen können, wenn 10.000 Römer stationiert sind.

Und wie ich schon oben erwähnte, die Menschen sind hier genauso schlecht und hinterhältig wie in Forum Fulvii, Rom oder Vindonissa. Wenigstens stimmt mein Gehalt, doch bin ich mir nicht sicher, ob es angemessen für die Mühe ist und die Nerven, die mich der Aufbau einer gut funktionierenden Verwaltung kostet. Gerade gestern haben wir einen Sklaven aus dem Main gefischt, der seinen Herrn, den Freigelassenen Iucundus erschlagen hat. Wie es aussieht, aus Zorn darüber, dass Iucundus die Freiheit geschenkt wurde, und nicht ihm, wie dessen ehemaliger Herr M. Terentius aussagte.

Publius Urvinus

Publius Urvinus, Scharfrichter

Damit sollte die Angelegenheit rasch erledigt sein, doch kommen täglich neue Fälle von Mord und Diebstahl hinzu. Ich vermisse meine alte Stelle in Vindonissa sehr, dort hatte noch alles seine Ordnung. Es sollte mich ja schmeicheln, dass ich auserwählt wurde, um an diesem Standort für Recht und Ordnung zu sorgen, und ich weiß, dass die Götter den Schweiß vor den Olymp gesetzt haben, doch eher versinke ich in einem Meer von Schweiß (von den grauen Haaren ganz zu schweigen), bevor hier auch nur ansatzweise Ordnung in diesen unzivilisierten Ort kommt. Dennoch versuche ich zuversichtlich zu und möchte dich nicht länger mit meinem Gejammer belästigen. Richte Fulvia meine besten Grüße aus, aber erzähle ihr bitte nichts von den Mühen und den grauen Haaren.Dein Publius.“

Zum Ende der Schreibphase bekamen wir die Gelegenheit, unsere Werke vorzutragen, die ich neben vier anderen Teilnehmern ebenfalls nutzte. Ich war etwas aufgeregt, wie wohl jeder, hatte ich doch noch nie etwas aus meiner eigenen Feder in der Öffentlichkeit vorgetragen, auch wenn es nur knapp eineinviertel Seiten waren. IMG_3272[1]Es lief jedenfalls besser als gedacht und war auch ein wenig stolz auf mich. Das Ziel der Veranstaltung, sich römischen Lebenswelten übers kreative Schreiben zu nähern und im Gedächtnis zu behalten, war aus meiner Sicht mehr als erreicht. Ich habe mich wirklich sehr gefreut, daran teilgenommen zu haben und etwas zu der Masterarbeit, in der unsere Texte veröffentlicht werden, etwas beitragen zu können. Für neue Konzepte, die den Umgang mit Geschichte spannend und anschaulich machen, bin ich ja sowieso immer zu haben, wie zum Beispiel das Projekt Codes der Macht, das auch im Römisch-Germanischen Zentralmuseum zu sehen und von dem ich immer noch restlos begeistert bin.

Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal für die tolle Veranstaltung und das nette Gespräch bedanken und wünsche Laura viel Erfolg für ihre Masterarbeit.